Die Geschichte von Zainab: Ein Leben im Dunkeln, das Licht fand
Zainab wurde in einer kalten Winternacht in einem großen Haus geboren, das einem wohlhabenden Händler gehörte. Als der Arzt das Neugeborene in die Arme nahm, bemerkte er sofort etwas Ungewöhnliches. Die Augen des kleinen Mädchens reagierten nicht auf das Licht. Nach einer kurzen Untersuchung sagte er zu den Eltern:
„Ihre Tochter ist von Geburt an blind.“
Ihre Mutter nahm sie liebevoll in die Arme und flüsterte:
„Auch wenn sie die Welt nicht sehen kann, werde ich ihr helfen, sie zu fühlen.“
Doch ihr Vater dachte anders. Für ihn waren Ansehen und äußere Erscheinung wichtiger als alles andere. Eine blinde Tochter betrachtete er als Schande. Während ihre beiden Schwestern Aminah und Laila für ihre Schönheit bewundert wurden, wurde Zainab im Haus versteckt.
In den ersten Jahren ihres Lebens hatte Zainab wenigstens die Liebe ihrer Mutter. Diese beschrieb ihr den Himmel, die Farben der Blumen und das Rauschen der Bäume. Zainab lernte, die Welt mit ihren anderen Sinnen zu verstehen – durch Geräusche, Gerüche und Berührungen.
Als Zainab fünf Jahre alt war, wurde ihre Mutter schwer krank und starb. Mit ihrem Tod verschwand die einzige Person, die Zainab wirklich beschützt hatte.
Ihr Vater wurde noch härter. Er nannte sie nie beim Namen. Stattdessen sagte er nur „dieses Ding“. Wenn Gäste ins Haus kamen, musste Zainab in ihrem Zimmer bleiben, damit niemand sie sah.
So wuchs sie in Einsamkeit auf. Ihre Tage verbrachte sie mit Braille-Büchern und lauschte den Geräuschen draußen – dem Wind, den Vögeln und dem entfernten Fluss.
Als sie einundzwanzig Jahre alt wurde, traf ihr Vater eine Entscheidung, die ihr Leben verändern sollte.
Eines Morgens betrat er ihr Zimmer ohne anzuklopfen. Zainab saß auf ihrem Bett und las ein altes Braille-Buch. Der Vater warf ein Stück Stoff in ihren Schoß und sagte kalt:
„Morgen wirst du heiraten.“
Zainab erschrak.
„Heiraten? Wen?“
Er antwortete ohne jede Emotion:
„Einen Bettler von der Moschee. Du bist blind, er ist arm. Das passt.“
Zainab fühlte, wie ihr Herz schwer wurde. Doch sie wusste, dass ihr Vater niemals seine Meinung ändern würde.
Am nächsten Tag fand die Hochzeit schnell und ohne Freude statt. Einige Menschen flüsterten spöttisch:
„Ein blindes Mädchen und ein Bettler.“
Der Mann nahm ruhig ihre Hand. Nachdem die Zeremonie beendet war, drückte der Vater ihr eine kleine Tasche mit Kleidung in die Hand und sagte zu dem Mann:
„Jetzt ist sie dein Problem.“
Dann ging er weg, ohne sich umzudrehen.
Der Mann hieß Yusha. Schweigend führte er Zainab aus der Stadt hinaus. Nach einem langen Weg erreichten sie eine kleine Hütte am Fluss.
Als sie eintraten, sagte er ruhig:
„Es ist nicht viel, aber es ist ein sicheres Zuhause.“
Seine Stimme war warm und freundlich. In der ersten Nacht legte er ihr eine Decke über die Schultern und ließ sie in Ruhe schlafen.
Mit der Zeit bemerkte Zainab, dass Yusha anders war als ein gewöhnlicher Bettler. Er sprach gebildet und wusste viel über Heilpflanzen.
Oft setzte er sich mit ihr ans Flussufer und beschrieb ihr die Landschaft.
„Die Sonne fühlt sich heute an wie eine warme goldene Münze auf der Haut“, sagte er einmal.
Durch seine Worte begann Zainab, die Welt in ihrer Fantasie zu sehen.
Nach einiger Zeit begannen Menschen aus dem Dorf zu ihrer Hütte zu kommen. Yusha behandelte ihre Wunden, bereitete Kräutermedizin zu und half Kranken.
Eines Abends fragte Zainab schließlich:
„Warst du immer ein Bettler?“
Yusha schwieg einen Moment und antwortete dann leise:
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